21 Sep 2020

Was ist uns gute Pflege wert?

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Jeder weiß es: Die Zustände in deutsche Alten- und Pflegeheimen sind oft grenzwertig und die Stationen sind unterbesetzt. Darunter leiden nicht nur die Angestellten, sondern auch die Pflegebedürftigen. Ein Berufswechsel wird dadurch für immer mehr Pflegekräfte eine ernsthafte Option. Die Forderung: Mehr Gehalt, mehr Personal, mehr Anerkennung. Die schlechten Arbeitsbedingungen haben Folgen. Immer weniger junge Menschen möchten in der Pflege arbeiten. So verschärft sich der Pflegenotstand immer weiter. Wie viel sind Gesellschaft und Politik wirklich bereit zu geben, damit es der Pflege besser geht? 

Pläne gibt es schon lange

2019 plante die große Koalition eine grundlegende Reform der Pflege. Es sollte mehr Gehalt für die Pflegekräfte geben, in der Altenpflege sollte es flächendeckend „angemessene“ Tarifverträge geben. Doch was genau bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich angemessen? Für manche sind es 18 Euro, andere fordern 20 oder 30 Euro die Stunde. Und wie sollen Tarifverträge entstehen, wenn kaum jemand in der Altenpflege gesellschaftlich organisiert ist?

Coronaprämie und klatschen sind nicht genug

Dann kam die Corona-Krise und die Corona-Prämie mit ihr. Wieder wurde die Diskussion um eine faire Bezahlung der Pflege lauter. Erst bekamen nur Altenpfleger*innen die Prämie – nach großen Protesten kommt nun immerhin auch bald eine Prämie für die Krankenpfleger*innen. Doch eine dauerhafte Lohnerhöhung war während der Krise lange kein Thema. Die Gesellschaft zollte den Pflegekräften ihren Respekt, es wurde geklatscht und Unternehmen verteilten Geschenke an ihre Mitarbeiter*innen. Eine nette Geste, aber auch nicht mehr. Pflegekräfte in ganz Deutschland waren enttäuscht: „Vom Klatschen können wir nicht unsere Rechnungen bezahlen.“

Pflege? Nicht noch einmal!

40 Prozent der Pflegekräfte vermissen die Anerkennung ihres Berufes in der Gesellschaft. Jede*r Vierte würde sich nicht noch einmal für diesen Beruf entscheiden. Dieses Ergebnis einer Umfrage des Deutschen Roten Kreuzes sollte jeden alarmieren. Denn es ist genauso, wie alle noch vor ein paar Monaten sagen: Die Pflege ist systemrelevant.

Ein gutes Image ist dringend notwendig

Damit sich diese Einstellung ändert, geben Pflegekräfte selber ihr allerbestes, junge Menschen für ihren Beruf zu begeistern: Sie schreiben Bücher, bekunden öffentlich ihren Unmut und sind dort präsent, wo sich die Jugend rumtreibt: Auf Instagram und TikTok. Dort zeigen sie, wie ihr Arbeitsalltag aussieht, dass der Job als Pflegekraft interessant ist und Spaß macht. Pflegeinfluencerin Samira sagt dazu: „Ich bin überzeugt davon, dass für den Beruf der Pflegekraft viel mehr online geworben werden muss. Social Media ist der richtige Weg, um junge Menschen in die Pflege zu bringen.“ Von der Politik fordert sie außerdem eine große Marketing-Kampagne für die Pflege. Denn: „Die Vorurteile, die in der Öffentlichkeit über uns verbreitet werden, sind einfach nicht wahr!“ Damit das aber auch wirksam sein kann, müssen sich auch die Bedingungen in der Pflege verbessern.

Wurde der Stein endlich ins Rollen gebracht?

Langsam zeigt sich, ob die großen Lobbekundungen an die Pflege während der Corona-Krise Eindruck hinterlassen haben. Es scheint sich etwas zu tun: Für einige examinierte Altenpfleger*innen steht aktuell eine Gehaltserhöhung auf 18,50 Euro die Stunde in Aussicht. Darauf einigte sich Verdi mit dem Arbeitgeberverband BVAP. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will die Regelungen nach Möglichkeit auf die gesamte Branche in Deutschland ausdehnen.
Und auch für Krankenhäuser scheint sich etwas zu ändern: Der Bundestag beschloss jetzt eine Milliarden-Finanzspritze für die Krankenhäuser. Laut Spahn sei es die „größte Summe, die je in Krankenhäuser in Deutschland investiert wurde“. Einmalig drei Milliarden Euro werden vom Bund ausgezahlt, um um Investitionen in moderne Notfallkapazitäten und die IT-Ausstattung von Krankenhäusern voranzubringen. Finanziert werden soll dies aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds für die gesetzlichen Krankenkassen.

Nun stellt sich die Frage: Ist dies nur eine einmalige Reaktion auf die Situation in der Pflege, oder wird es nach und nach weitere Verbesserungen geben? Noch ist dies nicht abzusehen, doch um weitere Änderungen anzustoßen, sollten Pflegekräfte jetzt nicht nachgeben und eine öffentliche Diskussion anstoßen und weiter aufrecht erhalten.

 

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Quellen:

Häusliche Pflege: www.haeusliche-pflege.net/Infopool/Nachrichten/40-Prozent-der-Pflegekraefte-vermissen-Anerkennung

Focus: www.focus.de/finanzen/news/arbeitsmarkt/mehr-geld-fuer-altenpflegerinnen-erfolg-fuer-verdi-stundenlohn-von-18-50-euro-soll-fuer-unsere-altenpfleger-kommen_id_12444602.html

nt-v: www.n-tv.de/politik/Krankenhaeuser-bekommen-Milliardenspritze-article22045498.html

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