Sexuelle Übergriffe in der Pflege: „Ich konnte meine blauen Flecke nicht mehr zählen”

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Es ist kein Geheimnis: Sexuelle Belästigung gehört für viele Pfleger*innen leider zum Alltag. Das fängt bei anzüglichen Bemerkungen an, geht über Grabschen und reicht bis zu gewalttägigen Handlungen. Wenn allerdings Vorgesetzte Pflegekräfte zu sexuellen Handlungen an Patient*innen nötigen – und zwar gegen ihren Willen – ist eine ganz neue, erschreckende Dimension erreicht. Davon hat uns Xenia berichtet, die seit 2011 als Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet. Im Interview erzählt sie von ihren erschreckenden Erfahrungen und von ihrem mutigen Einsatz für sich und auch andere Pflegekräfte. Denn für Xenia ist klar: Man darf sich nicht alles gefallen lassen und muss den Mund aufmachen! Denn das große Problem ist: Das Thema Sexualität ist immer noch ein Tabuthema, sodass kaum ein*e Betroffene*r darüber redet – was auch an struktureller Gewalt liegt.

Sexuelle Übergriffe in der Pflege - Porträt Xenia-2

Auswirkungen des Tabuthemas

Wenn die Sexualität tabuisiert wird, gibt es viele Auswirkungen: „Zum einen trauen sich die Leute dann nicht mehr, sich selber anzufassen, was ja das normalste auf der Welt ist und das unterdrückt wahnsinnig viel“, sagt Xenia. Das wirke sich dann auch auf die Psyche der Betroffenen aus, sodass sie depressive Phasen hätten. „Und es gibt viele Studien dazu, dass es auch demenzfördernd ist, wenn man seine sexuellen Bedürfnisse unterdrückt.“ Unterdrückte Bedürfnisse schlagen oft auch in Gewalt um und so kommt es nicht selten zu sexuellen Übergriffen.

„Ich konnte meine blauen Flecke gar nicht mehr zählen“

Auch Xenia erlebt unzählige Male sexuelle Übergriffe in der Pflege, die gewalttätig waren. „Ich konnte meine blauen Flecke gar nicht mehr zählen.” Zwei Mal musste sie sogar in die Notaufnahme, weil ihre Brust so blau war! „Der eine Mann war sehr dement und wusste einfach nicht mehr, was er macht. Der andere war einfach nur eklig, das war auch nichts Psychisches oder krankhaft Bedingtes“, erinnert sich Xenia. Er sei körperlich eingeschränkt gewesen und hätte beim Duschen Unterstützung gebraucht. „Das hat er dann komplett falsch verstanden und es als anderes Angebot gesehen.“

Schlimme Entwicklung: Sexuelle Übergriffe werden oft als „normal“ abgetan

Als Xenia eine ältere Krankenschwester auf die sexuellen Übergriffe anspricht, entgegnet die ihr nur: „Ja, das ist halt so.“ „Ich glaube, das ist ein Prozess, der sich krankhaft eingebürgert hat“, meint Xenia. Sie selbst gesteht: „Dass eine Hand während der Pflege auf meinem Po liegt, ist eigentlich Standard. Und das stört mich auch nicht mehr so.“ Die Pflege ist immer noch ein Frauenberuf und weibliche Pflegekräfte leiden sehr viel unter Abwertung. „Man wertet sich irgendwann selber ab und sagt „Ich bin nur Krankenschwester, ich habe nur eine Ausbildung.“ Auch in der Gesellschaft sei das Bild der „Arschabwischer“ weit verbreitet, was das Selbstbewusstsein nicht gerade besser mache. Xenia vermutet auch, dass die älteren Schwestern viel verdrängen und eventuell auch mit Posttraumatischen Belastungsstörungen zu tun haben. Dazu kommt noch, dass das Thema schambehaftet ist: Keiner spricht darüber und wenn man darüber spricht, wird man von Vorgesetzten nicht ernst genommen – und es hat oft keine Konsequenzen. 

Schock-Erlebnis: Xenia erlebt sexuelle Nötigung als Anweisung von Vorgesetzten

„Xenia, Mensch, das ist ein junger Mann. Vor dem Eingriff wäre es gut, wenn du ihn nochmal beruhigen könntest. Du weißt schon wie…“ Diese Worte hört Xenia, als sie Azubine ist – und ist geschockt. Denn das, was der Stationsleiter, der stellvertretender Stationsleiter und auch der Chefarzt damit meinten, war nichts anderes als: „Hol’ ihm mal einen runter!“ „Das war richtig heftig“, erinnert sich Xenia. Nach dem Vorfall sucht sie das Gespräch mit einer älteren Krankenschwester und erfährt, dass es auf der urologischen Ambulanz in dem Krankenhaus gang und gäbe ist. „Ich war nicht die erste, mit der so umgegangen wurde“, sagt Xenia. Das große Problem ist, dass niemand was sagt. „Meiner Kollegin kamen im Gespräch auch relativ schnell die Tränen und als unser Stationsleiter an uns vorbeiging, meinte er zu ihr: „Jetzt heult das fette Schweinchen wieder“. Es war wirklich zum Kotzen!“

Schweigen? Das kommt für Xenia nicht in Frage!

Nachdem sie auch noch mit ihrer Mitschülerin geredet und diese auch davon berichtet hat, wie schlecht sie auf der Station behandelt wird, beschließt Xenia zu handeln. „Ich konnte dort nicht mehr arbeiten und wollte mich sofort versetzen lassen.“ Also schreibt sie Gedächtnisprotokolle, meldet den Vorfall dem Betriebsrat und wendet sich an die Frauenbeauftragte des Krankenhauses, die ihr dann Anwälte stellte. „Das war dann ein relativ langer Prozess, der sich vier, fünf Monate gezogen hat“, berichtet die Gesundheits- und Krankenpflegerin. Letztendlich ging es gut für sie aus: Sie wurde auf ihren Wunsch versetzt und die drei Vorgesetzten mussten mit folgenden Konsequenzen leben: „Dem Stationsleiter wurde gekündigt, der stellvertretende Stationsleiter wurde unangenehm zwangsversetzt und dann war klar, dass er von sich aus kündigt. Und der Chefarzt hat eine Abmahnung bekommen.“ Es lohnt sich also, Missstände anzusprechen, wie Xenia’s Fall zeigt!

Hierarchieebenen sind toxisch und schaffen angsterfüllte Arbeitsatmosphäre

Nicht nur im Krankenhaus stößt die junge Pflegerin auf strukturelle Gewalt, sondern auch in einer Pflegeeinrichtung, in der sie als stellvertretende Wohnbereichsleiterin gearbeitet hat. Dort gab es klare Hierarchieebenen, die aber aus Xenias Sicht nicht viel mit Führung zu tun gehabt hätten. „Meine Chefs haben auch nicht über Mitarbeiter*innen gesprochen, sondern über Untergebene“, erzählt Xenia. „Diese Hierarchien wurden eingetrichtert und waren toxisch. Vor der PDL hatten immer alle Angst“, erzählt sie. Das Skurrile: Keiner konnte sagen, warum er/sie Angst hätten. „Es war eine eingetrichterte Angst.“ Pflege als Frauenberuf werde einfach nicht so richtig ernst genommen. Man lande da in sehr veralteten Strukturen.

Sexuelle Übergriffe gepaart mit struktureller Gewalt waren für Xenia auch Kündigungsgrund

In der Pflegeeinrichtung hat sie aufgrund der vorherrschenden Gegebenheiten nicht lange gearbeitet. Eine Situation war dann der Auslöser für ihre Kündigung. Xenia erzählt: 

„Wir hatten einen Bewohner, der kein Sympathieträger war. Er war rassistisch, wollte nur von Deutschen gepflegt werden – was gar nicht möglich war – und hat meine Leute fertig gemacht. Ich habe sehr oft das Gespräch mit meiner Chefin gesucht und meinte: „Der muss hier weg.“ Als eine neue Kollegin an einem Tag aus dem Zimmer des Bewohners rauskam, war sie rot im Gesicht und wirkte komisch. Erst wollte sie nicht mit mir sprechen wegen dieser komischen Hierarchieebenen, die ich aber so nicht gelebt habe. Dann hat sie mir doch erzählt, was passiert ist: Der Bewohner hatte sie genötigt, ihn im Intimbereich sehr aktiv zu waschen. Weil sie neu im Land war und sehr unsicher und Angst davor hatte, ihren Job zu verlieren, wenn sie das ansprechen und sich beschweren würde, hat sie es gemacht. Aber nicht, weil sie es wollte.“

Xenia hat dann gehandelt. Sie führt sehr deutliche Gespräche mit dem Bewohner, mit dessen Betreuerin und auch mit ihrer Chefin. Als von ihr aber nur ein „Ja, aber wir haben jetzt nur eine Aussage.“ kam, trifft Xenia den Entschluss zu kündigen. „Da hat’s bei mir aufgehört!“ Sie hat noch sehr lange mit ihrer Kollegin geredet und ihr dabei geholfen, sich woanders zu bewerben.

Einsatz für Tabuthemen: Xenia hält Vorträge 

In der Pflege werden viele Themen totgeschwiegen und es gibt oft keine Ansprechpartner, an die sich Betroffene wenden können. Xenia möchte das ändern und macht einen Austausch im Rahmen von Vorträgen möglich. „Ich spreche über strukturelle, organisatorische, sexuelle und natürlich auch rassistische Gewalt in der Pflege“, erklärt sie. Unter den Teilnehmer*innen seien überwiegend Frauen, aber auch für Männer ist es ratsam, ihre Vorträge zu besuchen und in den Austausch zu gehen – vor allem, um Frauen besser zu verstehen. „Oft kommen Kommentare wie: „Meine Güte, das haben die Frauen damit gemeint, als sie mir das gesagt haben.“ Und dann sage ich: Ja, ein bisschen besser hinhören wäre gut!“

Xenias Wunsch: „Tabuthema „Sexualität“ muss endlich gebrochen werden!“

Der Erfahrungsbericht der Hessin zeigt: Die Pflege hat ein großes Problem mit dem Tabuthema Sexualität und struktureller Gewalt und beide sind eng miteinander verstrickt. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin möchte mehr Transparenz und ist sich sicher, dass dadurch auch die sexuellen Übergriffe reduziert werden könnten. Schon in der Ausbildung sollte die Sexualität von Menschen stärker thematisiert werden. „Und vor allem muss auch dringend erklärt werden, wie man seine Grenzen aufzeigen kann, damit es nicht zu sexuellen Übergriffen kommt“, sagt Xenia mit Nachdruck. Gleichzeitig ist sie auch dafür, dass Bewohner*innen mehr Angebote bekommen, ihre Sexualität auszuleben, wie z.B. mit Sexualbegleitung. Denn eins ist für Xenia ganz klar: „Jeder hat ein Recht auf Sexualität – egal, wie alt er oder sie ist.“

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