Eine Pflegekraft macht den Mund auf

Nina nina
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„Jeden Tag wird in einem Pflegeheim die Würde eines Menschen verletzt. Sei es bei Patient*innen oder Pflegekräften, egal ob körperlich oder psychisch. Das sagt Jovica J. als Teamleiter einer 1:1 Versorgung. Schuld trägt für ihn besonders einer: Jens Spahn.“

Kritik am Bundesgesundheitsminister

Jovica J. ist der Teamleiter in einer 1:1 Versorgung bei Krefeld. Und mit diesem Job ist er aktuell auch zufrieden. Doch das war nicht immer so. Im Alter von 20 Jahren entschied er sich für die Pflege. Seitdem hat der 36-Jährige in vielen verschiedenen Bereichen Erfahrungen sammeln dürfen, bliebt dabei immer politisch interessiert. „Ich habe schon in meiner Kindheit einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besessen, Politik hat mich auch schon immer interessiert.“ Und genau deshalb macht Jovica jetzt den Mund auf und äußert im Namen der Pflegekräfte ganz klare Kritik an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

„Noch mehr zu arbeiten, kann nicht die Lösung sein!“

„Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei bis vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.“ Das sagte Jens Spahn im September 2018 in Bezug auf die Pflegekräfte, die in Teilzeit arbeiten. Für Jovica sind solche Aussagen ein Schlag ins Gesicht. „Pflegekräfte arbeiten im Schnitt nicht länger als sieben Jahre in der Pflege. Das ist ein Knochenjob, bei dem man mental und körperlich an seine Grenze gerät. Noch mehr zu arbeiten, kann da nicht die Lösung sein!“ Jovica spricht auch an, dass eben nicht jeder mehr arbeiten kann. Die Teilzeitbeschäftigung habe nun mal oft auch einen Grund. Viele Pflegekräfte seien noch immer weiblich, sind entweder verheiratet und müssen somit nicht zwingend auch ein volles Gehalt nach Hause bringen. Dann gebe es noch die alleinerziehenden Mütter, die schlichtweg nicht die Zeit haben, um neben Haushalt und Kindern noch Vollzeit zu arbeiten. Und auch wer 50 Jahre oder älter ist, kann diesen anstrengenden Job nicht zu 100% ausführen.

Pflegekräfte aus dem Ausland? Nicht mal als Zwischenlösung!

„Die ausländischen Pflegekräfte kommen nur kurz nach Deutschland. Nach ein paar Jahren gehen sie entweder zurück in ihre Heimat, weil sie merken, dass der Job hier zu schlechte Bedingungen hat oder weil sie nicht so wertgeschätzt werden, wie zu Hause. Oder sie ziehen weiter, in die Schweiz oder nach Österreich, wo die Politik die Bedingungen in der Pflege besser gestaltet.“ Jovica kennt selbst viele solcher Fälle und arbeitete selber oft genug mit Kolleg*innen zusammen, die aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind – in dem Glauben, hier bessere Arbeit zu finden. Die Realität sieht laut Jovica anders aus, als von Jens Spahn dargestellt: „Die Sprachkurse brauchen viel Zeit, die Pflegekräfte werden hier auch nur ausgebeutet, weil sie weniger bezahlt bekommen, dafür aber die gleiche Arbeit leisten wie andere. Aber viele haben Angst, etwas zu sagen und machen deshalb weiter – oder gehen.“ Die Bedingungen seien für ausländische Pflegekräfte, die zum Beispiel aus den Philippinen oder Mexiko kommen, nur auf dem Papier besser.

Es geht nur um reine Gewinnmaximierung

Jens Spahn sagt von sich aus, dass es sein oberstes Ziel sei, dem Personalmangel entgegenzuwirken. Jovica glaubt ihm diese Aussage aber nicht. „Für mich wirkt es, als stünde die reine Gewinnmaximierung im Vordergrund.“ Die Privatisierung werde durch das Vorgehen der Bundesregierung nur noch vorangetrieben. „Alle verdienen in der Pflege ihr Geld – nur die Basis, die Pflegekräfte, nicht.“ Besonders sauer stößt Jovica auch die Fachkraftquote auf. 50% Fachkräfte müssen die Betreiber*innen von Pflegeheimen vorhalten. Das Problem: Es gibt gar nicht mehr genügend Fachkräfte, um die Anforderungen zu erfüllen. Dringend benötigte Pflegeplätze bleiben unbesetzt. „Viele Pflegeheime erfüllen nicht einmal diese 50%. Aufnahmestopp gibt es erst, wenn die Quote unter 40% sinkt – dazwischen passiert nichts außer Nachfragen und Anschreiben. Warum gibt es nicht schon bei 50% Sanktionen, die wirklich weh tun?“
Für den 36-Jährigen ist der Minister schlichtweg auch kein Experte im Bereich Pflege-Qualitätsmanagement. Spahn hole sich zwar Fachmeinungen ein, die würden aber auch oft nur von Expert*innen stammen, die selbst nie praktische Erfahrungen in der Pflege sammeln konnten und frisch von der Uni gekommen sind.

„Das System macht uns krank.“


Und wegen all diesen Kritikpunkten hat Jovica J. die Nase voll und spricht seine Meinung laut aus – auch wenn er damit manchmal aneckt. „Das System macht uns Pflegekräfte krank. Wir trinken zu viel Kaffee und rauchen Zigaretten, ernähren uns ungesund und trinken zu wenig. Manche Pfleger*innen greifen zu oft zum Alkohol, andere nehmen sogar Drogen.“ Jovica selbst ist davon überzeugt, dass er seine 16 Jahre nur geschafft hat, weil er viel Sport treibt, viel trinkt und gesund isst. Ohne diese Disziplin wäre es für ihn wahrscheinlich auch schwer geworden, durchzuhalten.

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Kommentare

  • AvatarElke Börner says:

    Es war aber schon vor Spahn ‼️

    Das schlimmste daran, dass man es damals noch nicht laut ausgesprochen hat. Das Pflegepersonal hat sich untereinander geholfen und alles so hingenommen.

    Erst die letzten 2 Jahre wird es lauter und jetzt hört und liest man es.

    Gutachter haben da auch eine große negative Rolle gespielt.

  • AvatarStefan says:

    Gute Ideen oder einstellung wie von lauterbach im Vergleich zum Bäcker spahn. Lauterbach ist einer von ubs aber bekommt glaub ich ganz deutlich von den Betreiber Lobbyisten dampf oder kommt gegen diese macht nicht an. Es scheitert am System ubd der Privatisierung sowie kommerziellisierung und profit vor Mensch sowie an den Betreibern. Die pflege hat zudem keine lobby. Hinter den Betreibern stehen viele Aktionäre und Investoren die nur ihre Dividenden sehen. Gegen solche Betreiber an zu kommen ist schwer. Ich denke da lauterbach einer von Uns ist und quch die Fehler und Schwächen kennt aber kaum was ändern kann. Und zudem die Aufforderung zu länger arbeiten und mehr über Stunden und Rente mit 70 kommen von der FDP und nicht von ihm

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