28 Sep, 2022

Pflege nach zwei Jahren Corona – Leere Versprechungen und höhere Belastung

Nina nina
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Gut zweieinhalb Jahre begleitet uns die Corona-Pandemie nun schon durch unseren Alltag. Und obwohl viele Menschen schon wieder in ihren Alltag vor der Pandemie zurückgekehrt sind, so merken besonders Pflegekräfte noch immer die Auswirkungen von Corona auf ihren Stationen und in ihren Pflegediensten. Wir stellen uns die Frage: Was hat sich in den letzten zweieinhalb Jahren wirklich für die Pflege verändert?

Große Versprechen aus der Politik

Die Pandemie hat für uns alle private und berufliche Veränderungen gebracht. Für die Pflegekräfte brachte sie neben dem anfänglichen Klatschen auf deutschen Balkonen jedoch nur viele leere Versprechen: Das Programm zur Bundestagswahl 2021 war voll von Versprechungen an die Pflegekräfte, dass sich etwas ändern würde. Davon wurde bisher nicht wirklich viel umgesetzt, ganz im Gegenteil: Die Impfpflicht unter dem Pflegepersonal war notwendig, sorgte aber nur noch für eine Verschärfung des Personalnotstandes. Im September 2022 kam dann die erste große Veränderung. Pflegedienste sind von nun an zur Tariftreue verpflichtet. Für viele bedeutete das eine gute Gehaltssteigerung, doch die Kosten werden auf die Pflegebedürftigen abgewälzt und Kritik zu diesem Konzept gab es von allen Seiten.

Auch die Auszahlung mehrerer Corona-Boni kam anfangs gut an, zeigte dann aber auch Mangel in der Umsetzung: Viele Pflegekräfte erhielten ihren Bonus gar nicht oder viel zu spät, andere empfanden die Auszahlungen als ungerecht, wenn nicht auch beispielsweise das Reinigungspersonal etwas erhielt.

Wichtige Punkte, wie die Beseitigung des Personalmangels oder eine bundesweite Pflegekammer wurden bisher noch nicht von der neuen Regierung thematisiert.

Neue Herausforderung für das Pflegepersonal

Die gestiegenen Hygieneanforderungen in allen Einrichtungen sorgten dafür, dass altbekannte Prozesse plötzlich viel mehr Zeit in Anspruch nahmen. Ein schneller Raumwechsel von Patient*in zu Patient*in war nicht mehr möglich. Corona-Patient*innen wurden außerdem anderen Erkrankten, aufgrund der Dringlichkeit, vorgezogen und OP-Termine mussten verschoben werden. Teilweise wurde der Tagesbetrieb um bis zu 30% heruntergefahren, um das Personal umzuverteilen. Diese Aufschiebung sorgt jetzt wieder trotz niedrigerer Zahlen für vermehrte Überlastung – denn die Termine müssen nachgeholt werden. Bis wieder Ruhe auf den Stationen oder auch in den Pflegeheimen einkehrt, könnte es also noch eine Weile dauern.

Auch die Belastung für Patient*innen ist gestiegen

Eine Studie zur Belastung in den Heimen und bei ambulanten Diensten aus 2021 zeichnet ein ähnliches Bild. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) lies 2000 Pflegende befragen und stellt fest: Die Corona-Pandemie hat die Pflegebedürftigen und das Personal in Heimen und ambulanten Diensten enorm belastet. Auch die Patient*innen leiden darunter. 84% der Befragten gaben an, dass sich während der Pandemie Stimmung, Lebensfreude, geistige Fähigkeiten und Orientierung der Bewohner*innen verschlechtert hätten. Auch die externe Unterstützung durch Therapeut*innen, Kliniken und Fachärzt*innen oder auch Angehörige hätte nachgelassen. Die Folge dessen: Durch die große Überlastung in den Heimen werden immer mehr Versorgungsanfragen abgelehnt. Von den Pflegeheimen berichteten 62 Prozent sogar von einem Aufnahmestopp. Die Versorgung pflegebedürftiger Menschen war und ist also noch immer akut gefährdet.

Pflegekräfte werden immer ungeduldiger

Wir haben euch gefragt: Wie ist in euren Altenheimen, Kliniken oder Pflegediensten die aktuelle Situation? Mehr als die Hälfte (57%) der Pflegekräfte aus unserer Community haben erschreckendes zu berichten: Für sie ist die Auslastung sogar noch schlimmer geworden, als zu Beginn der Corona-Pandemie. Rund 67% geben an, dass die Anzahl des Personals seitdem auch gesunken ist. Trotz Tariftreue fühlt sich die Mehrheit auch noch immer nicht genug geschätzt und hat das Gefühl, dass noch viel mehr getan werden sollte, um die Arbeitsbedingungen dauerhaft zu verbessern. Pflegekraft Liesel gibt zu: „Wenn ich ehrlich bin, überlege ich, zu wechseln. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas ändert.“ Und auch unsere Followerin Renate antwortet auf unsere Instagram-Umfrage, was für sie die Lösung dieses Problems wäre, ganz einfach: „Kündigen!“

Corona positiv und trotzdem arbeiten?

Die Notlage auf vielen Stationen sorgt dafür, dass manche Teamleitungen (zu) viel verlangen von ihren Kolleg*innen. Wer sich gut genug fühlt, springt ein – obwohl man laut Testergebnis noch Corona-Positiv ist. Die Meinung unserer Community zu solchen Fragen ist klar: “Wir sollten uns unserer Verantwortung bewusst sein und uns krank schreiben lassen, bis wir wieder negativ sind” schreibt beispielsweise Jean. “Wir sollten uns aber auch der eigenen Gesundheit bewusst sein und uns krank schreiben lassen.”

Ein Vorteil der Pandemie für die Pflege: Zusammenhalt

Eines jedoch hat sich in der enormen Belastung der Pandemie gezeigt: Teams sind enger zusammengewachsen, treffen konkretere Absprachen und lernen, aufeinander zu zählen. Der Stress und die neuen Herausforderungen haben gut funktionierende Teams nur noch enger zusammengeschweißt. Die Bedeutsamkeit von zuverlässigen Kolleg*innen, auf die man zählen kann und die einem zur Seite stehen, ist vielen in dieser Zeit nur noch bewusster geworden.

Wie sieht die Corona-Situation bei euch im Team aus?

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Kommentare

  • AvatarJürgen Prawitt says:

    Meine persönliche Empfindung ist tiefe Enttäuschung. Jede Kriese birgt auch Chancen. Aber auf der politischen Ebene wird eine Chance nach der anderen vergeigt.
    Als Corona persönlich betroffen gemacht hat, lag Veränderung in der Luft. Solidarität, Bereitschaft zum Umdenken und umstrukturieren waren da. Aber die Corona-Maßnahmen waren für viele nicht nachvollziehbar. Und aus Solidarität wurde Irritation und Frust.
    Soziale Gerechtigkeit einschließlich menschenwürdiger Gesundheitsfürsorge, Schutz des Planeten als Lebensgrundlage und herbeiführen von Frieden in Europa sind nicht in Sicht.
    Die Zeitenwende – ist nicht in Sicht.
    Was ich sehe, ist das Festhalten an alten Denkstrukturen, egal wo ich hin schaue.
    Im Gesundheitswesen gilt immer noch Wirtschaftlichkeit, Reduzierung von stationären Leistungen um Betten und Kliniken zu reduzieren und Kosten zu senken. Gesundheit ist immer noch in erster Linie ein Wirtschaftsmodell das industrialisiert wurde.
    Den Menschen im Mittelpunkt, den Schutz der Bevölkerung, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, das alles sehe ich nicht. Nur die Schlinge der Wirtschaftlichkeit, die spüre ich. Wie sie sich immer enger zusammen zieht und die Luft zum Atmen nimmt, die Freiräume für Empathie und gewissenhaftes, professionelles Handeln einschränkt, das spüre ich. Und ich spüre, wie Idealismus und Menschlichkeit stirbt.
    Warum? Es könnte am Geld liegen – und an politischer Kurzsichtigkeit.

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