Sepsis-Schock: „So krank habe ich mich noch nie gefühlt.“

Victor-lavnejev Victor Lavnejev
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Im Februar ist es jetzt genau 10 Jahre her, dass Arne Trumann im Alter von 44 Jahren einen septischen Schock erlitt. Ganz plötzlich riss ihn dieser Zwischenfall aus seinem Leben. Aus einem einfachen, grippalen Infekt entstand die Sepsis oder, wie sie im Volksmund oft genannt wird, Blutvergiftung. Von Arnes Erkrankung bis zum Zeitpunkt seiner Einlieferung ins Krankenhaus ging vieles schief. Im Interview erzählt der dreifache Vater, wie die Sepsis sein Leben verändert hat und warum er sich auch nach 10 Jahren weiterhin für mehr Aufklärung zur Sepsis einsetzt.

Bis zur Erkennung der Sepsis vergingen mehrere Stunden

Arnes „Alptraum Sepsis“ begann an einem Mittwoch im Februar. Er fühlte sich schon seit mehreren Tagen schlapp und krank und war wegen eines grippalen Infektes krank geschrieben. Doch die Arbeit rief ihn am Mittwoch wieder ins Büro, und bei seiner sitzenden Bürotätigkeit als Projektmanager traute er sich das Arbeiten doch wieder zu. Doch bis zum Feierabend ging es Arne zusehends schlechter. Abends begab er sich auf die Couch, fühlte sich kraftlos, aber konnte auch nicht schlafen. Weil sein Zustand sich weiter verschlechterte, riefen Arne und seine Frau über den hausärztlichen Wochenendnotdienst einen Arzt, der zur Untersuchung zu ihnen nach Hause kam. Das Ergebnis war ernüchternd:„Der Arzt hat sich meinen Zustand nicht wirklich angesehen, sondern mehr mit meiner Frau darüber gesprochen. Er empfahl mir, die Nacht über abzuwarten und zu schlafen. Heute weiß ich: Hätte ich seinen Rat befolgt, wäre ich am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht.“ Arnes Frau ruft schließlich einen Krankenwagen. Der Notarzt, der dann eintrifft, hat mehr Erfahrung als sein Vorgänger – und erkennt die Sepsis.

Vier Wochen Koma und mehrmonatige Therapien sind die Folgen der Sepsis

Arne kann zu diesem Zeitpunkt bereits keinen klaren Gedanken mehr fassen. „So krank habe ich mich noch nie gefühlt.“ Mit dem Krankenwagen gelangt der 44-Jährige damals ins Klinikum Bremen-Mitte. Die späte Diagnose hat bereits wertvolle Stunden verstreichen lassen. Denn ein Mensch mit einer Sepsis verliert pro Stunde zwischen vier und sieben Prozent Überlebenschance.
„Einer meiner letzten Gedanken war, dass ich auf keinen Fall sterben würde. Ich würde unbedingt durchhalten.“ Vier Wochen liegt der Projektmanager dann schließlich im künstlichen Koma. Seine Fingerkuppen sterben ab, man muss sie ihm abnehmen. Für den professionellen Musiker, der für Hochzeiten, private Feiern oder Veranstaltungen Klaviermusik macht, ist das ein tiefer Schlag. Erst später stellt sich heraus, wie genau Arne an der Sepsis erkranken konnte. „Im Keller habe ich mich wohl an etwas geschnitten“, erzählt er. „Meine Grippe war da noch nicht ganz auskuriert.“ Das vom Grippevirus geschwächte Immunsystem kommt so mit Streptokokken A in Berührung.

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Kognitive Folgen bleiben aus, doch die Sepsis beeinflusst Arne Trumanns Leben noch heute

Heute geht es Arne wieder deutlich besser, doch die Krankheit hat ihre Spuren hinterlassen: „Ich habe großes Glück, dass ich noch meinen Beruf ausüben kann. Ich kann noch Klavierspielen, wenn auch nicht mehr so gut, auch die Arbeit am PC ist kein großes Problem mehr. Gewisse Dinge, wie Spargel schälen oder Knöpfe zumachen, sind aber nicht mehr so möglich wie früher. Das wohlige Gefühl sich zu kratzen, wenn es mal juckt, ist zum Beispiel nicht mehr da. Lebensqualität ist mir dadurch aber sonst nicht verloren gegangen.“ Aber auch kognitive Fähigkeiten können Sepsis-Patient*innen einbüßen. Hier hat Arne Glück gehabt. „Ich konnte mich noch an Menschen und meine Beziehung zu ihnen erinnern, meine Fremdsprachen noch sprechen und habe meine beruflichen Fähigkeiten behalten. Aber bei vielen Sepsis-Patient*innen ist das nicht mehr möglich, da sie ihr Konzentrationsvermögen verloren haben und mit Gedächtnisverlust zu kämpfen haben.“

 

Findest du das Thema Sepsis sollte mehr in der Pflege behandelt werden?

 

Mehr Aufklärung kann Menschenleben retten

Auch wenn Arnes Folgen der Erkrankung im Vergleich zu vielen anderen Sepsis-Patient*innen noch relativ gering sind, setzt er sich seitdem verstärkt für die Aufklärung über dieses Thema ein. Mehr als 250 Menschen sterben täglich an einer Sepsis in deutschen Krankenhäusern. Zahlen, die vermeidbar sind. „Für Herzinfarkte oder Krebserkrankungen sind wir sensibilisiert. Warum nicht auch für die Sepsis, wenn diese so häufig vorkommt?“ Mehr als die Hälfte der erfassten Patient*innen stirbt an einer Sepsis, auch die Kosten für die Behandlung sind hoch. Allein für die Behandlung der Patient*innen auf der Intensivstation werden pro Jahr schätzungsweise 1,7 Milliarden Euro aufgewendet. Damit die Sensibilität für das Thema in Deutschland größer wird, engagiert sich Arne im Vorstand der Deutschen Sepsis-Hilfe e.V. und im Kuratorium der Deutschen Sepsis Stiftung, hält Vorträge in Pflegeschulen oder auf Kongressen und schrieb sogar ein Buch über seine Erlebnisse: „Alptraum Sepsis“ erschien 2019 im atp-Verlag.

Birgt der Regierungswechsel neue Chancen?

Durch die jetzige Neubesetzung des Postens als Gesundheitsminister erhofft sich Arne jetzt auch endlich einen Fortschritt: „Dadurch, dass Herr Lauterbach ja aus dem medizinischen Bereich kommt, sieht er die Dinge vielleicht anders. Vielleicht setzen sich die Gremien dann mehr mit diesem Thema auseinander.“ Denn Arnes Fall zeigt, wie erschreckend spät die Anzeichen einer Sepsis bei machen Patient*innen erkannt werden. Dabei gibt es derzeit viele positive Beispiele, wie viel eine gute Sepsis-Aufklärung bei der Sterblichkeit von Menschen bewirken kann: „Es gibt ein Klinikum in Greifswald, in dem eine Fachkraft nur für die Erkennung von Sepsis zuständig ist und dafür auch entsprechend geschult ist. Und dieses Klinikum hat nachgewiesenermaßen deutlich niedrigere Zahlen an Sepsisfällen und auch Fälle, die weniger schwer sind. Denn hier werden diese früh genug erkannt. Warum machen das nicht alle Krankenhäuser?“ Arne ist sich den bürokratischen Hürden solcher Veränderungen durchaus bewusst, lässt aber dennoch nicht von seinen Forderungen ab. „Bis wir so weit sind, sterben tausende von Menschen! Das ist frustrierend, aber hält mich nicht davon ab, etwas ändern zu wollen.“

Sepsis-Patient*innen benötigen Zuwendung vom Pflegepersonal

„Als ich noch im Krankenhaus lag, wurde ich auch noch tracheal betamet und konnte nur schwer kommunizieren. Auch Knöpfe drücken war durch die Amputationen nicht möglich. Auch wenn Pflegekräfte viel zu tun haben, hätte mir in dieser Situation ein einfacher Blick oder eine kurze Frage oft weitergeholfen. Ich war auf das Pflegepersonal angewiesen, wenn es mir nicht gut ging oder abgesaugt werden musste. Diese kurze Aufmerksamkeit kann schon viel für Patient*innen bewirken.“ Für ihn sei das Gefühl, einfach nur auf der Intensivstation zu liegen, um sein Leben zu kämpfen, aber nichts machen zu können, sehr bedrückend gewesen. „Das kann eine kurze Zuwendung wieder auffangen und enorm zum eigenen Wohlbefinden beitragen.“

Seine Geschichte hat Arne auch bei Planet Wissen erzählt. Hier findest du sein Interview in der Mediathek:
www.planet-wissen.de/video-sepsis

Du möchtest mehr über das Thema Sepsis erfahren? Dann haben wir hier ein paar hilfreiche Links für dich:

www.sepsis-hilfe.org
www.sepsis-stiftung.de

Literaturtipp:

Arne Trumann – Alptraum Sepsis
2019 im atp-Verlag
14,80€
ISBN: 978-3-943064-19-3

Quellen:
ZDF: www.zdf.de/nachrichten/politik/sepsis-deutschland-krankenhaeuser-100.html
Gesundheitsforschung bmbf: www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/sepsis-fordert-viel-mehr-todesopfer-als-gedacht-3068.php

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