Pflegekräfte: Keine Engel, sondern Profis!

Während der Corona-Pandemie werden sie gefeiert und bejubelt. Pflegekräfte sind die Helden in dieser schweren Zeit und doch sind die Arbeitsbedingungen noch immer die selben, wie davor. Zu wenig Gehalt, viel Stress durch zu viele PatientInnen und Personalunterbesetzung und kaum Anerkennung.

PFLEGEKRÄFTE SIND AUCH NUR MENSCHEN

Annette Kennedy, die Präsidentin des Weltverbandes der Krankenschwester und Pfleger, appelliert nun dafür, nicht zu vergessen, wer Pflegekräfte tatsächlich sind. Durch all die Assoziationen mit Engeln und Helden führe es schnell dazu, die Menschlichkeit hinter den Pflegekräften zu vergessen.

„Sie sind menschliche Wesen mit Familien und mit Ängsten.“

Ihrer Meinung nach sollte die Regierung viel mehr darauf bedacht sein, Pflegekräfte zu schützen und zu unterstützen, denn sie sind es, die die Pflegekräfte in den Kampf gegen das Virus schicken. Sie sind es, die den Personalschlüssel wieder unwirksam gemacht haben und darauf bestehen, dass alle Pflegekräfte, sofern es ihnen möglich ist, während der Pandemie in ihren Beruf gehen und sich damit auch der Gefahr aussetzen, sich selbst und ihre Familien anzustecken.

„Sie haben Gefühle und sie brauchen emotionale und physische Unterstützung, sie müssen sich ausruhen und essen.“

SEIT 200 JAHREN: DER KAMPF UM DIE EIGENEN RECHTE

Vor genau 200 Jahren erblickte die Krankenschwester und Legende Florence Nightingale das Licht der Welt und veränderte mit ihrem Dasein die Welt der Pflegeberufe. Denn sie erkannte schnell: Berufe in der Pflege sind weder leicht noch ungefährlich.

Während des Krim-Krieges in einem Militärkrankenhaus in Istanbul setzte sie sich durch (trotz der geringen Gleichberechtigung von Frauen in der damaligen zeit) und begann mit heute selbstverständlichen Hygiene-Richtlinien: Händewaschen, Räume durchlüften und genügend Abstand zwischen den PatientInnen.

Im Nachhinein war vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften Nightingales ihr Ehrgeiz. Bis zum Ende kämpfte sie. Nicht nur für ihre PatientInnen, sondern auch für sich und ihre eigenen Rechte. Genau davon sollten sich auch Pflegekräfte, medizinisches Personal und alle anderen BürgerInnen ab jetzt eine große Scheibe abschneiden.

PFLEGEKRÄFTE GEBEN VIEL, ABER BEKOMMEN ZU WENIG

Bereits seit über 200 Jahren wird also dafür gekämpft, aufzuzeigen, wie wichtig Pflegekräfte sind. Und doch gibt es bis Heute kaum Unterschiede in der Betrachtung des Berufes.

Lange und oft familienunfreundliche Arbeitszeiten werden von Pflegekräften hingenommen. Die Verantwortung, die sie tragen, wenn es um das Leben anderer Menschen geht, wird kaum betrachtet. Das eigentliche, absolut unterschätzte, Berufsbild der meisten: Die wischen doch nur die Hintern alter Menschen ab. Die Verantwortung hinter der Arbeit wird selten anerkannt. Dazu kommt ein viel zu geringes Gehalt von, im Schnitt, nur ca. 35.000 Euro jährlich.

Dass die meisten Pflegekräfte eine Ausbildung inklusive Examen und unzähligen Weiterbildungen absolvieren, an Wochenenden und Feiertagen arbeiten, während andere Familien gemeinsam am Weihnachtstisch sitzen, sich um die Menschen kümmern, die es alleine nicht mehr schaffen und das, obwohl sie kaum mehr Zeit für eine Versorgung auf persönlicher Ebene haben, da sie mit einer starken Personalunterbesetzung kämpfen, wird wie so häufig, außer Acht gelassen.

Trotz Allem werden in Deutschland immer wieder nur die negativen Seiten des Berufes aufgezeigt, statt etwas daran zu ändern.

KLATSCHEN REICHT NICHT – UNTERSTÜTZUNG IST WICHTIG

Fakt ist: Klatschen allein reicht den Pflegekräften nicht. Ihre Arbeit ist wichtig, aber nicht selbstverständlich. Pflegekräfte mögen zwar wie Engel wirken, aber ihre Leistungen sollten nicht umsonst sein. Denn ihr fachliches Wissen und ihre Verantwortung qualifiziert sie für ein angemessen hohes Gehalt. Und dieses Ziel sollte nicht nur von der Politik verfolgt werden, sondern auch von BürgerInnen mit Nachdruck unterstützt werden. Auch wenn euer Applaus gut gemeint ist: Setzt euch lieber für die Pflegekräfte ein.

Für Annette Kennedy sind die finanziellen Mittel heute noch ein großes Problem. Denn laut WHO fehlen weltweit ca. sechs Millionen Pflegekräfte, die (im Gegensatz zu Engeln und Helden) mehr als kompetente Profis gesehen werden sollten und für ihre lebensrettende Tätigkeiten angemessen entlohnt werden müssen.

„Wenn man wirtschaftliches Wachstum will, investiert man in Gesundheitsversorgung.“